Das Echotal der Ringsbergau

Ringsberg bei Glücksburg

Eine Legende für Anni

Die Zeit wie wir sie begreifen wird aus drei Fäden gesponnen. Urd spinnt den schwarzen Faden der Vergangenheit. Ihre greise Schwester Verdandi den roten Faden der Gegenwart. Skuld aber, die jüngste von ihnen spinnt den goldenen Faden der Zukunft hinzu. Die drei Nornen betreiben dieses Werk natürlich mit angemessener Ernsthaftigkeit. Ein- oder zweimal alle tausend Jahre überkommt sie aber so große Langeweile, daß ihre nachlassende Konzentration zu verworrenen Knoten im Zeitfaden führt. Das kann Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben. Den Nornen ist es egal.

Wandelt man auf dem schmalen Weg entlang des tief eingeschnittenen Tales der Ringsbergau in Richtung Bockholmwik, so kann man ein Phänomen erleben, wie man es sonst nur aus den Gebirgen und Schluchten weit entfernter Länder kennt. Ruft man in das Tal hinein, so kehrt das Gerufene sogleich zurück. Die Bewohner der Gegend nennen das Tal daher das Echotal und der Wald jenseits der Ringsbergau hat sich schon viel bedeutungsschwangeres und noch viel mehr bedeutungsloses anhören müssen. Immer wieder kommt es allerdings vor, daß ein Spaziergänger berichtet, er hätte etwas in das Tal gerufen und das erwartete Echo sei gänzlich unerwartet ausgefallen. Meist sei das Echo unverständlich, wie in einer unbekannten Sprache gewesen. Ein Jäger aus Ringsberg aber will auf seinen Ruf „herausherausheraus“ als Antwort ganz deutlich die lateinischen Worte „Si nos audis, eripe nos ex aeternitate“, zu deutsch „Wenn Du uns hörst, errette uns aus der Ewigkeit“. gehört haben. Aber wer mag das schon glauben.

Vor vielen Jahren, als das Land durch den Schwedenkönig Gustav Adolf verheert und geplündert wurde, zog ein Trupp marodierender Soldaten durch das schmale Tal der Ringsbergau. Ein Junge aus einem nahegelegenen Dorf beobachtete ihr Treiben aus einem Versteck oberhalb des Weges. Er sah, wie die Soldaten, vom Brandschatzen erschöpft, ein Lager am Wegrand aufschlugen. Sorglos und müde legten sie ihre Musketen ab und wollten sich eben zur Ruhe begeben, als sie des Echos im Tal gewahr wurden. Mit neuen Lebensgeistern begannen sie aus Tollerei allerlei Lästerliches und Gottloses in Richtung des Waldes hinter der Au zu rufen. Manch einer brüstete sich gar mit begangenen Verbrechen und Mordtaten. Als einer der Soldaten einen besonders gottlosen Fluch zum Waldrand schickte, blieb das erwartete Echo aus. Gänzlich still lag der Wald im Licht des Vollmondes, der eben aus düsteren Wolken erschienen war. Der Trupp schwieg still und der Soldat rief erneut seinen erbärmlichen Fluch. Wieder geschah nichts. Als er ihn aber ein drittes Mal zum Wald schickte, geschah etwas Seltsames. Die Luft über dem Wald fing an zu flimmern als wenn eine große Hitze im Wald herrsche. Ein schwaches Leuchten ging von der Erscheinung aus. Das Ganze währte nur wenige Augenblicke, dann war wieder Dunkelheit. Im Schatten des Waldrandes meinte er nun die undeutlichen Umrisse von drei Gestalten auszumachen. Als sie auf die mondbeschienene Wiese des Tales traten konnte der staunende Junge drei Männer erkennen. Sie trugen federgeschmückte Helme mit silbernem Wangenschutz wie aus längst vergangenen Tagen. Ihre Oberkörper wurden durch glänzende Schuppenpanzer geschützt. Über den Schultern trugen sie rote Umhänge. Bewaffnet waren sie mit einem Wurfspeer und einen kurzen Schwert. An der linken Seite trugen sie jeweils einen großen rotbemalten Schild. Der Junge konnte im Mondlicht deutlich die großen Lettern S.P.Q.R.auf den Schilden erkennen. Für einen Augenblick waren auch die Marodeure wie erstarrt vor Überraschung, fanden dann aber rasch ihren Schneid wieder und griffen nach den weggeworfenen Musketen. Als sie sich den drei unheimlichen Gestalten zuwandten, schienen die Umrisse der Neuankömmlinge jedoch zu verschwimmen. Mit Grausen erkannten die Banditen, daß sich die geisterhaften Gestalten aufzulösen begannen. Als erstes verlor der vorderste seinen Schild. Dann kippte sein Wurfspeer zur Seite und der Helm fiel ihm vom Kopf. Der Kopf selbst schien zu zerfallen und in einer feinen Wolke aus Staub zu verschwinden. Schließlich fiel der gesamte Schuppenpanzer in sich zusammen und der nun leere Umhang bedeckte die Einzelstücke wie ein Grabtuch. Seinen beiden Kameraden war es nicht anders ergangen und nach wenigen Augenblicken lagen nur noch die leeren Teile ihrer Ausrüstung am Boden. Als die Soldaten sich vorsichtig dem Ort des grausigen Schauspiels näherten, zeugte nur noch feiner grauer Staub von den Geistern der Vergangenheit. Neugierig hoben die Soldaten die staubigen Waffen auf und bewunderten ihre kunstvolle Machart. Sie mutmaßten, dass sie einen nicht unerheblichen Wert haben müßten. Schnell erwachte die Gier in ihnen und sie machten sich auf, den Wald zu durchsuchen in der Hoffnung auf weitere Beute. Als sie im Wald verschwunden waren, sah der Jungen in seinem Versteck erneut das Flimmern über den Wipfeln der Bäume. Danach senkte sich Dunkelheit über die Szene, da der Mond wieder von Wolken verdeckt wurde. Bis zum Morgen harrte er in seinem Versteck aus, voller Angst, die Soldaten können wiederkommen und ihn entdecken. Als aber der Morgen graute und immer noch keiner von ihnen erschienen war, verlies er sein Versteck und näherte sich vorsichtig den seltsamen Gegenständen. Er griff eines der Kurzschwerter und machte sich auf den Rückweg in sein Dorf.

Im Dorf angekommen warnte er die Bewohner vor der Bande von Soldaten und die wehrhaften Männer machten sich auf, im Wald nach ihnen zu suchen. Seinen Fund zeigte der Junge dem Dorfpfarrer. Diesem war schnell klar, daß es sich bei dem Schwert um ein Gladius, ein Kurzschwert eines römischen Legionärs handeln mußte. Er erinnerte sich auch an eine alte Geschichte, die im Klosterarchiv der Zisterzienser in Glücksburg aufbewahrt wurde. Einige Tage später reiste er nach Glücksburg und bat um Erlaubnis, das Dokument im Kloster einzusehen. Schließlich fand er die Abschrift des Berichts eines gewissen Velleius Paterculus aus den Zeiten des römischen Kaiser Tiberius. Dieser berichtete vom Verlust einer gesamten Kohorte von Legionären bei einer Erkundungsmission im Gebiet der sächsischen Stämme, die damals das Gebiet der Flensburger Förde besiedelten. In einem Tal voller seltsamer Erscheinungen seien die Soldaten spurlos und ohne Feindkontakt verschwunden. Keine Menschenseele hätte je wieder von ihnen gehört. Den Priester grauste es, als er die alten Zeilen las. Eilend machte er sich auf den Heimweg. Zuhause angekommen befragte er die Männer, ob sie die schwedischen Soldaten hätten finden können. Diese aber hatten die Spur der Banditen im Wald verloren und waren unverrichteter Dinge heimgekehrt. Der Priester beschloss über seine Erkenntnisse Stillschweigen zu bewahren und vernichtete den Bericht des Paterculus. Heute sind die damaligen Ereignisse in Vergessenheit geraten.

Als ich vor einigen Tagen mit dem zugvorgenannten Latein-interessierten Jäger zusammensaß, erzählte er eine neue Geschichte aus dem Echotal. Diesmal soll die Antwort des Tales wie Schwedisch geklungen haben. Da hat er sich wenigstens mal eine lebende Sprache ausgesucht, der Wichtigtuer.

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