Das Schwennautal in Glücksburg
Eine Legende für Anni
Glücksburg liegt wunderschön gelegen an der Flensburger Förde. Quer durch das Städtchen zieht sich als kleiner Bach die Schwennau. Schon vor hunderten von Jahren haben hier in Glücksburg Mönche ein Kloster errichtet. Die ganze Gegend ist geprägt von ihrem Wirken. Überall findet man noch Grundmauern und Grabenanlagen. Viele alte Flurnamen zeugen von ihrer Arbeit. Das kleine Tal, das die Mündung der Schwennau geschaffen hat, scheinen sie nie genutzt zu haben. Hier hatte seit Jahrhunderten alleine die Natur das Sagen. An diesem Tal liegt unser Haus. Mit wunderschönem Blick in die unberührte Natur. Auch in unserer Gegend ist heutzutage jedes Fleckchen Land bewohnt oder sonst irgendwie von Menschen genutzt. Umso mehr war ich verwundert darüber, in diesem wunderschönen Tal nie einen Menschen zu sehen. Ja es gibt nicht mal einen Weg hindurch. Die Nachbarn, die ich befragte, waren selber noch nie im Tal gewesen. Es sei zu sumpfig und was solle man schon dort. Nein, bis zur Au sein man noch nicht gegangen. Aber am Strand würde man ja ihre Mündung sehen. die letzte, die ich fragte war die alte Frau Jensen. Ihr wahres Alter ist nicht zu schätzen. Sie lebt alleine in der alten Kaufmannsvilla „Villa Freya“ am Rand des Waldes von Glücksburg. Ihre Geschichte ist recht verwunderlich, wenn nicht gar verstörend. Der Wahrheitsgehalt darf meiner Meinung nach stark angezweifelt werden. Dennoch will ich sie hier wiedergeben:
„Es muss etwas über 200 Jahre her sein. Ein junges Mädchen, Tochter eines reichen Glücksburger Kaufmanns hatte sich in einen jungen dänischen Seesoldaten verliebt. Nun war die Kunde nach Glücksburg gekommen, sein Schiff sei untergegangen und er vermutlich ertrunken. In ihrer Trauer suchte sie die Einsamkeit und lief in das wilde Tal der Schwennau. Der schmale Pfad, der bis in das Erlengehölz in der Mitte des Tales führte war kaum zu erkennen. Es fing bereits an zu dunkeln. Ihr Ziel war der riesige Stein, der seit Menschengedenken am Ende des schmalen Pfades aus dem Moor ragt. Sie war schon lange nicht hier gewesen, die Menschen verirrten sich nur selten hierher. Sie mieden den Stein. Und tatsächlich wirkte er, als gehörte er nicht hierher. Die Form war regelmäßig wie ein an den Ecken abgerundetes Rechteck. Die Oberfläche wirkte nicht natürlich gewachsen sondern wie das Ergebnis künstlicher Bearbeitung. Sie war glatt und leicht nach außen gewölbt. Man erzählte sich, es sei eine alte Macht in ihm eingeschlossen. Wenige Jahrzehnte zuvor hatte man aus wissenschaftlichem Interesse die Oberfläche des Steines untersuchen wollen. Die dicke Schicht von Moos, Flechten und Wurzelwerk, die den Koloss bedeckte wurde entfernt und der Stein an der Oberseite gänzlich frei gelegt. Die Hoffnung, ihn ausgraben zu können erfüllte sich nicht. Man grub seitliche Schächte, kam aber nie auch nur annähernd an das untere Ende des Steines. Stets lief zuvor das Moorwasser in die Grabungsschächte. Schließlich gab man das Vorhaben auf. Das wunderlichste aber war die seltsame Schrift, die rings um den Rand des Steines als schmales Band seltsamer Schriftzeichen eingraviert war. Keiner hatte solche Schriftzeichen je gesehen. Auch der alte Rektor der Glücksburger Klosterschule, Magister Hansen konnte hier nicht weiterhelfen. Keine der ihm bekannten Schriften wies eine Ähnlichkeit auf. Am ehesten hätte man noch einen Vergleich zu alten nordischen Runen ziehen können. Letztendlich hatte man nach einiger Zeit die Bemühungen einer Entzifferung eingestellt und der Stein mit seiner seltsamen Schrift war wieder in Vergessenheit geraten.“
Die alte Frau Jensen erzählte dies mit leiser, ungeübter Stimme. Anfänglich kamen ihre Worte stockend, als müsse sie sich konzentrieren. Nun aber wurde ihre Stimme klarer und voller.
„Als das Mädchen am Ziel seiner traurigen Suche in der Mitte des Tals angekommen war, war die Dämmerung bereits weit fortgeschritten. Nur undeutlich waren die Umrisse der dunklen Erlen zu erkennen. Sie bereute bereits, kein Licht mitgenommen zu haben. Wie so oft war Feuchtigkeit herauf gezogen und verschleierte den Blick zusätzlich durch milchigen Dunst. Mehrfach wäre sie auf dem morastigen Wege fast gestürzt und mehrfach war sie mit ihren dünnen Schuhen in Wasserlöchern tief eingesunken. Die Trauer um ihren Geliebten ließ sie das Geschehen nur undeutlich, wie im Traum wahrnehmen. Aber nun drang ein Licht in ihr verschleiertes Blickfeld. Sie verlangsamte ihren Schritt und blieb verwundert stehen. Nur allmählich begriff ihr mit Trauer beschäftigter Verstand dass etwas Ungewöhnliches auf dieser Lichtung vorging. Ein fahles Leuchten war zu sehen. Undeutlich nur und kaum heller als schütteres Mondlicht. Es verlieh dem Platz unter den Erlen eine blassgelbliche Färbung. Erst nach einiger Zeit gewöhnten sich ihre Augen an das Licht und konnten seinen Urspruch erkennen. Es war der seltsame Stein selbst. Einem ersten Reflex folgend wollte sie sich abwenden und nach hause eilen aber sie konnte nicht. Wie unter Zwang blieb sie stehen und wandte sich wieder dem flackernd glimmenden Stein zu. Schritt für Schritt näherte sie sich und konnte die Szenerie bald besser erkennen. Das Leuchten ging von der sonderlichen Schrift aus, von der die Alten in Glücksburg berichtet hatten. Nur dass sie jetzt nicht mehr unter Flechten und Moose verborgen war. Die Oberfläche des Steines wirkt wie frisch poliert. Kein Blatt, kein Zweig, kein Getier war auf ihr zu sehen. Die Schriftzeichen wirken wie gerade eben in den Stein geschnitten. Aber das wunderbarste war der Sog, der von dem Stein ausging. Fast ehrfürchtig kniete das junge Mädchen vor dem riesigen Stein nieder und bewegte die linke Hand vorwärts. Zentimeter für Zentimeter näherte sich der ausgestreckte Zeigefinger der seltsamen Schrift bis er sie zuletzt berührt. Und nun geschah etwas noch seltsameres. Die Schrift schien den Kopf des Mädchens plötzlich zu erfüllen. Erst nur wie ein anschwellendes Raunen, hallte sie schließlich in ihrem Verstand wieder, wie in einem riesigen Gewölbe. Die Worte die sie bildeten klangen zutiefst beängstigend und anziehend zugleich. Die gesprochene Sprache klang uralt und fremd und war ihr gleichzeitig vertraut. Der Ton war schmeichelnd aber gleichzeitig fordernd. Mit Erstaunen und Grausen erkannte sie, daß sie die uralte Sprache verstand. …
Am nächsten Morgen sorgte sich der Vater des Mädchens um den Verbleib seiner Tochter. Nach der traurigen Nachricht am Vortag war sie fortgelaufen und bisher nicht wieder zurückgekehrt. Am Nachmittag suchten alle Bewohner von Glücksburg nach seiner Tochter. Als man auch am alten Stein im Schwennautal forschte, fand man den Stein in gewohntem Zustand vor. Von Moos und Flechten bewachsen und von alten Wurzeln umrahmt. Aber zwischen den Wurzeln ragte eine Stückchen Stoff hervor. Es war eindeutig ein Teil aus dem geblümten Kleid des Mädchens. Man versuchte das Stück herauszuziehen aber der Stein schien es festzuhalten. Man entfernte die Wurzeln und erkannte erst jetzt, daß die Oberfläche des Kolosses eine große Steinplatte war, die passgenau, ohne erkennbaren Spalt auf dem unteren Teil des Steines ruhte. Unter dieser Platte war das Stück Stoff eingeklemmt. Alle Versuche, die schwere Platte anzuheben schlugen fehl. Die Platte ließ sich nicht einen Millimeter bewegen. Schlussendlich musste man die Bemühungen einstellen. Das Mädchen wurde nie gefunden.“ Seither mieden die Menschen den Stein und vergaßen ihn schließlich ganz.
Hier wurde die Stimme der alten Frau Jensen wieder leiser. Ihr Blick, der zunehmend abwesender geworden war klärte sich. Sie könne sich nicht weiter erinnern. Der Vater des Mädchens sei übrigens der Kaufmann gewesen, der die Villa Freya erbaut hätte. Er sei damals nach wenigen Jahren an Trauer um seine Tochter verstorben.
Normalerweise hätte ich den Worten einer alten Frau keine größere Bedeutung beigemessen aber nun bin ich mir doch unsicher geworden. Denn gestern Abend schaute ich aus den Fenstern meines Hauses in das dunkle Schwennautal. Dort, wo man um diesen Zeit sonst nur Dunkelheit und Schwärze sieht, sah ich gestern ein fahles, gelbliches Glimmen. Und gerade eben hat es wieder begonnen. Vielleicht sollte ich einmal nachsehen.
Quelle: Diese Geschichte ist so wahr, daß ich sie mir ausdenken mußte