Im Wald von Glücksburg
Eine Legende für Anni
Früher, als die Welt noch voller Geheimnisse war, bedeckte dichter Wald das Land an der Flensburger Förde. Den nördlichen Teil des Waldes nenne wir heute das Friedeholz. Dort wo das Haus der Waldjugend steht, hatte damals ein Köhler seine ärmliche Behausung. Er lebte zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter Lilith in einer windschiefen Hütte. Der Tag war von harter Arbeit bestimmt und die dauerte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Während ihr Vater sich um die Kohlenmeiler kümmerte und seine Frau das Haus versorgte, verbrachte Lilith die Tage im tiefen Wald. Da sich nur selten Menschen in diese Einsamkeit verirrten, waren ihre einzigen Spielkameraden die Tiere des Waldes. Schon bald zeigte sich bei dem Mädchen eine besondere Begabung. Sie schien die Sprache der Tiere zu verstehen. Sie hatte ein gutes Herz und nutze diese Gabe um den Tieren zu helfen. Sie warnte sie vor Gefahren und beschützte sie wo sie nur konnte.
Dann kam Unglück über die Familie. Die Mutter erkrankte schwer und verstarb nach kurzer Leidenszeit. Der Vater konnte seine Trauer nicht überwinden und gab sich dem Alkohol hin. Nach einem Unfall folgte er seiner Frau in den Tod. Zurück blieb die kleine Lilith, die nun allein in der Hütte im tiefen Wald lebte. Sie ernährte sich von wilden Früchten und kleidete sich in Stoffe, die sie aus Blättern und Grashalmen fertigte. Ihre ganze Kraft widmete sie der Aufgabe, die Tiere zu beschützen. Täglich kam sie zu ihrem Lieblingsplatz, dem alten Steingrab auf dem Hügel, von wo man weit über die Flensburger Förde blicken konnte. Die Tiere kamen ebenfalls dorthin und berichteten von ihren Nöten. Zum Dank für die Hilfe brachten sie ihr Samen und essbare Früchte und wärmten sie im Winter, damit sie nicht erfror.
Eines Tages kamen Holzfäller in den Wald. der Wald sollte gerodet werden um Ackerfläche zu schaffen. Mit ihren eisernen Äxten fingen sie an, eine große Schneise in den Wald zu schlagen und legten ein Feuer, um den Wald hinter der Schneise abzubrennen. In großer Angst flohen die Waldtiere vor dem Feuer aber ein zwei Raben hatten ihr Nest auf einer hohen Buche inmitten des Brandes. Die Jungvögel konnten nicht fliegen und drohten in den Flammen zu verbrennen. Trotz sengender Hitze und beißendem Qualm erkletterte Lilith die Buche und rettete die Rabenkinder aus dem Feuer. Mit letzter Not brachte sie die Rabenkinder in Sicherheit und übergab sie den Rabeneltern. Die Dankbarkeit der Tiere währte ein Leben lang. Die Raben wichen Lilith nicht mehr von der Seite und ehrten Liliths selbstlose Tat bis zu ihrem Tod viele Jahre später. Noch heute bewachen sie ihr Grab bei dem alten Steingrab auf dem Hügel. Wer aufmerksam ist, kann ihren Horst in den alten Buchen sehen.
Quelle: Diese Geschichte ist so wahr, daß ich sie mir ausdenken mußte